Anfang Juni durfte ich am eigenen Leib erfahren, wie spannend Politik sein kann. Als fiktiver Abgeordneter zog ich für vier Tage in den Deutschen Bundestag in Berlin ein. Als Mitglied der mir zugeteilten Gerechtigkeitspartei befasste ich mich mit dem Thema Pfand auf Einwegbecher. Klingt super spannend? War es auch.

Los ging es schon sehr früh. 6:30h Frühstück, da wünscht man sich doch glatt in die Schule zurück. Danach schick machen und ab geht’s in den Bundestag. Vorbei an interessierten Besuchergruppen und vielen, vielen Büros geht es zur ersten Besprechung. Was möchte die Gerechtigkeitspartei? Was unser Koalitionspartner? Wie wird die Bewahrungspartei unser Gesetz zu verhindern versuchen? Und wer hatte am wenigsten Schlaf? Nach der ersten Absprache gilt es die Position der Partei in den Umweltausschuss einzubringen. Der Koalitionspartner möchte noch eine Klausel streichen. Die Bewahrungspartei will am liebsten gar nichts machen. Stattdessen plant sie durch gezielte Verwirrungen die Koalition ins Wanken zu bringen.

Mittagspause ist endlich in Sicht. Mit Blick auf die Spree gibt es wie immer eine Top Verpflegung. Die Verhandlungen gehen natürlich trotzdem weiter. Der Abgeordnetenjob macht tatsächlich nicht einmal vor Bohnen mit Speck halt. Immerhin kann man sich endlich mal mit den anderen austauschen. Aus ganz Deutschland kommen sie, mit interessanten Geschichten und Akzenten. Auch AfD-Abgeordnete haben Teilnehmer in die Hauptstadt gesandt. Wie damit umgehen? Aber schon geht es weiter.

Nach Arbeitsgruppen-, Ausschuss und Landessitzung neigt sich der Tag dem Ende zu. Aber die Plenarsaaldebatte steht noch bevor. Also müssen die Reden verfasst und abgesprochen werden. Vorher noch schnell den Sonnenuntergang von der Aussichtstribüne genießen. Bis 23 Uhr sitzen wir noch im echten Fraktionssaal der CDU/CSU-Gruppe. Die Rede ist, na ja, fast fertig.

Am letzten Tag ist es dann so weit. Die Plenarsaaldebatte, geleitet von den echten Bundestagsvizepräsidenten, wird eröffnet. Koalition und Opposition tauschen vor den Abstimmungen zu den vier Gesetzesentwürfen ihre Positionen aus. Herr Rainer Wein schenkt diesen der Opposition ein, Herr Brückenbauer versucht einzelne Abgeordnete im letzten Moment noch zu überzeugen. Bis auf die Grundgesetzänderung erreicht die Koalition drei neue Gesetzte. Müde aber zufrieden sind trotzdem alle. Vier Tage straffes Programm. Vier Tage statt vier Jahre. Die echten Abgeordneten haben wohl doch einiges zu tun. Im Gespräch mit Fraktionsvorsitzenden dürfen wir Fragen stellen. Und das Planspiel liefert wohl einen sehr realistischen Einblick in die Arbeit des Bundestages. Hohe Belastung sowie die ständige Suche nach Kompromissen zeichnen die Arbeit eines Abgeordneten aus.

Ich empfehle jedem, diese Chance zu nutzen, an „Jugend und Parlament“ teilzunehmen. Der nicht immer einfache Alltag wird deutlich, die Wertschätzung für unsere Abgeordneten steigt. Und schon ist die große Politik gar nicht mehr so fern, wie sie manchmal zu sein scheint. Vorausgesetzt natürlich, der Bundestag erlaubt die Großsimulation auch in den nächsten Jahren. Während des Schlusswortes vom Bundestagspräsidenten unterbrechen Friday-for-future-Demonstranten die Veranstaltung. Herr Schäuble nimmt es gelassen. Ob unser höchstes Legislativorgan für diese Art der Auseinandersetzung zur Bühne werden sollte, müsst ihr, die zukünftigen Teilnehmer entscheiden.

Mathis Striedelmeyer im Juni 2019